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Kommt jetzt das große Verlernen?
Alexander Haase, Geschäftsführer von DESIGNERDOCK in Frankfurt und Stuttgart und erfahrener Agentur-Kreativer, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema KI und Kreativität. Seine größte Sorge mit Blick auf die Zukunft: De-Skilling. Die Newsletter-Redaktion hat mit ihm darüber gesprochen, warum KI manchmal mehr schadet als nutzt, warum Kreative wie Leistungssportler sind und warum er selbst KI nur sehr gezielt einsetzt.
Alexander, Du sagst, dass De-Skilling durch KI ein großes Problem gerade für die Kreativwirtschaft werden kann. Was versteht man denn überhaupt unter De-Skilling?
Der Begriff bezeichnet das Verschwinden bzw. Verlernen von Fähigkeiten – individuell, aber auch auf der gesellschaftlichen Ebene. De-Skilling ist dabei nicht zwangsläufig negativ; im Zuge technischen Wandels werden etwa Fähigkeiten, die mal wichtig waren, nach und nach obsolet, weil man einfach effizientere Wege gefunden hat, bestimmte Dinge zu erledigen. Bei KI besteht jedoch die Gefahr, dass elementare, kulturell wichtige Fähigkeiten verlernt werden, auf die wir nicht verzichten können.
Ein häufiges Argument ist doch gerade, dass uns KI lästige Aufgaben abnimmt und wir uns dann auf die wirklich wichtigen Dinge fokussieren können. Stimmt das denn nicht?
Das ist kurzfristig schon richtig, aber nicht auf lange Sicht. Was ich oft von KI-Nutzern höre, ist: Ich lasse die Software die grobe Vorarbeit machen, ich übernehme dann den Feinschliff. Das klappt aber natürlich nur, wenn ich selbst irgendwann vorher gelernt habe, die „grobe Vorarbeit“ zu machen und mithin das Wissen habe, die Leistung der KI zu beurteilen und zu verbessern. Meine Befürchtung ist, dass aber genau dieses Wissen verloren geht. Weil es verlockend ist, die lästigen Aufgaben an KI zu delegieren. Auf lange Sicht fehlt uns dann die Übung, die wir brauchen, um die großen, anspruchsvollen Aufgaben lösen zu können. In dieser Hinsicht sind Kreative wie Leistungssportler. Man fängt nicht direkt in der Champions League oder bei den Olympischen Spielen an, sondern auf dem Bolzplatz oder im Verein und entwickelt sich im Idealfall immer weiter.
Und KI macht das unmöglich?
Nein, unmöglich nicht. Es geht ja auch gar nicht darum, KI zu verteufeln. Richtig eingesetzt sind das wunderbare Tools, die viele Prozesse erleichtern und bereichern können. Wichtig ist allerdings der bewusste Umgang mit KI: Wo hilft sie mir – und wo schade ich mir durch den Einsatz von KI womöglich selbst?
Für Agenturen und Kreative ist KI ja auch ein wirtschaftliches Thema.
Richtig. Die Frage, ob sich KI zum Job- und Auftrags-Killer entwickelt, hängt auch ganz stark davon ab, wie sich Dienstleister auf die vermeintliche Konkurrenz einstellen. Die Antwort kann jedenfalls nicht sein, künftig mehr oder weniger alles von der KI machen zu lassen. Das können alle anderen nämlich auch. Wenn auch künftig mit kreativen Dienstleistungen Geld verdient werden soll, geht das nur, wenn es dabei noch einen erkennbaren Mehrwert gibt.
Was können Agenturen und Kreative dafür tun?
Die Mitarbeiter fordern und fördern. Fordern heißt hier: den Mitarbeitern Aufgaben geben, an denen sie wachsen können. Nur so wird man richtig gut in seinem Beruf. Und dazu dann gezielte Förderung, zum Beispiel durch Weiterbildungen. Agenturen sind im Prinzip Think Tanks – wenn dort das Denken plötzlich ausgelagert wird, funktionieren sie nicht mehr.
Wie wird der Arbeitsalltag in Agenturen in zehn Jahren aussehen? Ist KI dann der wichtigste Mitarbeiter?
Das wäre das Worst Case Scenario. In diesem Fall glaube ich aber nicht, dass es dann überhaupt noch Agenturen geben würde, wie wir sie kennen. Warum auch? Eine KI, die alles erledigt, können auch die Werbekunden benutzen, dafür brauchen sie keine externen Dienstleister. Kunden holen sich Agenturen an Bord, weil diese etwas leisten, was sie selbst nicht können. Und das fängt schon bei einfachen Sachen an – was in der stark von Technologie getriebenen Diskussion der letzten Jahre oft untergeht. Wann ist zum Beispiel ein Text gut? Wann ein Visual perfekt? Man braucht tatsächlich Erfahrung, um vermeintlich einfache Fragen wie diese beantworten zu können. Wenn Agentur-Mitarbeiter diese Erfahrung nicht mehr sammeln können, weil mehr und mehr grundlegende Aufgaben von Tools übernommen werden, bekommen Agenturen ein Problem. Das Best Case Scenario ist also genau das Gegenteil: Die Agenturen fördern ihre Leute so, dass diese KI intelligent und effizient als Support für eine Vielzahl von Aufgaben nutzen können – aber der geistige Mehrwert wird nach wie vor von den Menschen geschaffen.
Nutzt Du denn selbst KI?
Logisch, ich bin ja neugierig! Ich probiere alles erstmal aus – in der Praxis, also für echte kreative Aufgaben, so viele sind das bei einer Personalberatung wie Designerdock ja auch nicht, nutze ich KI allerdings praktisch gar nicht. Man darf ja bei der ganzen Diskussion eines nicht vergessen: Sich etwas auszudenken, etwas zu gestalten oder zu erfinden macht Spaß! Das ist ein immenser Vorteil, den kreative Berufe gegenüber anderen haben. Warum sollte man darauf verzichten wollen?
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