©pic by André Eichbauer

Was genau beschreibt Burnout eigentlich? Ein Interview mit André Eichbauer.

Ist es ein medizinischer Begriff? Ich fang mal hinten an: Ja, die Diagnose Burnout wurde 2022 (endlich) offiziell in den ICD-11 aufgenommen und wird dort wie nachfolgend beschrieben:

Burnout ist ein Syndrom, das als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz konzeptualisiert wird, der nicht erfolgreich bewältigt wurde. Es ist durch drei Dimensionen gekennzeichnet:

 

  1. Gefühle der Energieerschöpfung oder Erschöpfung
  2. Erhöhte mentale Distanz zur Arbeit oder Gefühle von Negativismus oder Zynismus in Bezug auf die Arbeit
  3. Ein Gefühl der Ineffektivität und des Mangels an Leistung
  4. Burnout bezieht sich speziell auf Phänomene im beruflichen Kontext und sollte nicht zur Beschreibung von Erfahrungen in anderen Lebensbereichen verwendet werden.

Darüber lässt sich natürlich trefflich streiten und diskutieren – was aktuell auch auf verschiedenen Ebenen passiert. Nach dieser Definition spricht man nämlich zum Beispiel Menschen, die ihre Angehörigen pflegen oder Hausfrauen/-männern, die die Familie managen die Möglichkeit ab, aufgrund dessen an einem Burnout zu erkranken. Was meiner Ansicht nach totaler Quatsch ist ...

 

Was sind frühe Anzeichen?

 

Hier zitiere ich einfach mal Freudenberger. Herbert J. Freudenberger publizierte 1974 den ersten wissenschaftlichen Artikel zum Thema Burnout. Seine Forschungen und Erkenntnisse, sowie vor allem das von ihm entwickelte 12-Phasen-Modell zählen bis heute zum Basiswissen in diesem Themenbereich. Hier mal, kurz und knapp, Freudenbergers Definition der ersten vier Phasen:

 

Phase 1: Der Zwang sich zu beweisen

Diese Phase ist durch übersteigerten Ehrgeiz und Perfektionismus gekennzeichnet, die Mitarbeiter*innen möchten ihre Sache besonders gut machen, beinahe zwanghaft ist die Vorstellung, nicht mehr als 100 % zu geben, angstbesetzt.

 

Phase 2: Verstärkter Einsatz

Das Gefühl aus Phase 1 baut sich weiter auf, häufig verknüpft mit dem Gefühl, alles selbst und insbesondere dringlich machen zu müssen. Aufgaben werden besonders rasch erledigt. Etwas zu delegieren fällt schwer.

 

Phase 3: Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse

Betroffene empfinden diesen beruflich „toughen” Zustand als normal und beschreiben ihn sogar als angenehm. Soziale Bedürfnisse werden als sekundär empfunden. Arbeitskolleg*innen, die diesen Bedürfnissen nachgehen, werden manchmal sogar abgewertet. Der Lebensstil wird zunehmend ungesünder und es treten erste kleinere Fehlleistungen auf.

 

Phase 4: Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen

Zunehmende Konflikte mit Arbeitskolleg*innen und Partner*innen werden ebenso wenig wahrgenommen wie Schlafmangel und erste körperliche Symptome wie Müdigkeit, Kopfschmerzen und Entzündungen. Außerdem mehren sich Fehlleistungen wie vergessene Termine, Terminkumulationen, Unpünktlichkeit und sonstige Fehler.

 

Wie kann der Arbeitgeber hier Verantwortung übernehmen?

 

Ich denke, das wichtigste ist, eine offene Kommunikationskultur im Unternehmen zu etablieren – auch abseits der Arbeitsthemen. Auch und vor allem mit dem Thema der seelischen Gesundheit (und im Umkehrschluss mit psychischen Krankheiten) offen umzugehen und dieses nicht, wie leider häufig, zu tabuisieren. Eine proaktive Kommunikation der Thematik wird mittelfristig zu einer Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten beitragen und so helfen, dass Betroffene nicht aus Scham oder Angst vor Mobbing oder etwaigen Benachteiligungen auf der Karriereleiter sich trauen, um Unterstützung zu bitten, wenn sie sie benötigen.

 

Was können Präventionsprogramme leisten?

 

Gerade im Vorfeld einer Burnout Erkrankung helfen Präventionsprogramme, sich offen und ehrlich (auch und vor allem sich selbst gegenüber) mit der Thematik zu beschäftigen. Durch ein verbessertes Verständnis der Krankheit selbst, ihrer Auslöser und der eigenen ganz persönlichen Anteile, können selbst in einem frühen Stadium der Erkrankung noch deutlich mildere Verläufe erzielt werden. Je früher man an solchen Präventionsmaßnahmen teilnimmt, umso höher ist natürlich die Chance, dass es erst gar nicht zu einer Erkrankung und in der Folge zu längeren Ausfallzeiten kommt.

 

Für Unternehmen ist das eigentlich eine einfache Rechnung. Präventionsmaßnahmen kosten in Summe viel weniger Geld als durch psychische Krankheiten anfallende Ausfallzeiten, die in der Regel über viele Wochen oder Monate andauern. Heute sind es die großen Konzerne, die die Zeichen der Zeit hinsichtlich der Wichtigkeit (und Rentabilität) von seelischer Gesundheit am Arbeitsplatz erkannt haben und entsprechend handeln. Wenn man sich Größe und Schlagkraft der Finance- und HR-Abteilungen von Konzernen ansieht und mit denen (sofern überhaupt vorhandenen) der Agenturen vergleicht, wird einem schnell klar, warum die Unternehmen die Agenturen bei diesem Thema längst abgehängt haben.

 

Was macht die Kreativindustrie besonders anfällig?

 

Hier wäre an erster Stelle wohl der negative Stress im Arbeitsalltag zu nennen (Stichwort Workload). Der im Vergleich zu anderen Branchen extreme (kreative) Leistungsdruck mit einer dann oft einhergehend schlechten Work-Life-Balance tut dann sein Übriges dazu. Der Druck, den viele Kunden auf ihre Agenturen ausüben, wird von Vorgesetzten leider viel zu oft an ihre Angestellten weitergegeben – oft auch leider völlig ungefiltert. Das betrifft nicht nur die geforderte Qualität, sondern häufig auch die finanziellen Aspekte.

 

Im Gegensatz zu vielen anderen gibt es in der Kreativindustrie auch nur selten bis nie einen Betriebsrat im Unternehmen, der seine schützende Hand über die Angestellten hält und darauf achtet, dass sich die Anforderungen im verträglichen Rahmen bewegen. In Agenturen sind es leider oft die Kunden, die entscheiden, wieviel Belastung die Angestellten aushalten können – natürlich immer in Verbindung mit den Arbeitgebern, die dieses Verhalten tolerieren und aufgrund wirtschaftlicher Zwänge ihre Teams nicht ausreichend staffen.

 

Zu guter Letzt herrscht in vielen Agenturen selbst in Zeiten des war for talents immer noch die altbekannte Hire & Fire-Mentalität – zerbricht ein Rädchen im Uhrwerk, wird es schnell durch ein neues ersetzt. Die Angst um den eigenen Arbeitsplatz lässt viele Angestellte viel zu lange unter viel zu hoher Belastung arbeiten. Oftmals leider bis es zu spät ist. Dazu trägt auch die Fragilität vieler Agenturen bei, die oft von der Hand in den Mund leben. Bricht ein Kunde weg, verlassen mit ihm nicht selten auch eine Handvoll Mitarbeiter die Agentur – gezwungenermaßen. Also sind viele Kreative bereit, über ihrem natürlichen Limit zu arbeiten, um diesen Fall zu verhindern.

 

Ist dir bei Klienten aus der Kreativindustrie etwas aufgefallen? Ähnliche Stressoren oder auch Bewältigungsstrategien?

 

In einer Agentur zu arbeiten ist für viele noch immer ein Traum. Die Branche lebt dabei viel vom Renommee vergangener Tage – früher galten Agenturen im allgemeinen als Vorreiter was Arbeits(platz)konzepte, Strukturen und begleitende Goodies angeht. Abgefahrene Locations, ausgefallene Events, lockere Klamotten, kreative und flippige Typen, Kicker, Playstation, Sushi für alle – um alle diese Vorzüge genießen zu dürfen, waren und sind viele Kreative bereit, auch härter ranzuklotzen, als es gesund für sie ist. Und das ist meiner Erfahrung nach auch die größte Gemeinsamkeit – das Gefühl, ein peppiges Arbeitsklima mit 50+ Stundenwochen zurückzahlen zu müssen mit unverhältnismäßigem Einsatzwillen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Dass sich viele damit aber mittel- und langfristig auf einer Einbahnstraße und nicht selten in einer Sackgasse befinden, checken sie oft erst, wenn es schon zu spät ist.

 

Wie kann Coaching und Kunsttherapie helfen?

 

Die Kunsttherapie oder ein Coaching mit kunsttherapeutischen Mitteln hat den Vorteil, den Klient*innen einen sehr niederschwelligen Zugang zu ihrer Innenwelt zu ermöglichen. Da bei beidem gar nicht viel geredet werden muss, stellen sich den Klient*innen Scham und Unsicherheit nicht so prominent in den Weg, wie das bei manch anderen Therapieformen und Coachings der Fall ist.

 

Ein Bild sagt oft mehr als 1000 Worte, so ein geflügeltes Wort. Beim Arbeiten mit kunsttherapeutischen Mitteln trifft das zu 100 Prozent zu. Es ermöglicht innerhalb einer geschützten therapeutischen Beziehung vor allem einen nonverbalen Ausdruck sowie den bewussten Zugang zu unbewussten Inhalten durch die vielfältigen Medien und Techniken der Bildenden Kunst. Die kunsttherapeutischen Übungen aktivieren und stärken die kreativen Ressourcen der Klienten, gewürzt mit einer Prise Achtsamkeit sorgen sie für einen nachhaltig gesünderen Lebensstil.

 

Konkret gibt es im ELEPHANT ROOM den SWITCH-Workshop. Der ist speziell für Agenturen konzipiert und hilft Kreativen, mental gesund zu bleiben.

 

Gibt es Techniken oder Methoden, die dich gerade begeistern?

 

Meine Lieblingsübung in der Kunsttherapie ist das Gestalten von Fingerprint Comics. Obwohl oder vielleicht auch gerade, weil die in keinem Lehrbuch stehen. Fingerprint Comics gehen schnell, unkompliziert und funktionieren bei beinahe jedem Krankheitsbild jedes Alters, Geschlechts und jedweder sexueller Orientierung.

 

Wie läuft ein typisches Coaching mit dir ab?

 

Online. Das ist vielleicht das ungewöhnlichste an meiner Arbeit im ELEPHANT ROOM. Der ELEPHANT ROOM versteht sich als eine Art digitaler Safe Space – ein virtueller Ort, an dem sich alle Anwesenden sicher fühlen können, ohne ihren privaten Safe Space verlassen zu müssen. Ich coache meine Klient*innen mit den klassischen, analogen kunsttherapeutischen Mitteln, Werkzeugen und Methoden. Nur eben online, via ZOOM-Konferenz.

 

Ich biete Coachings im Gruppen- und Einzelsetting an, als abgeschlossenen Kurs oder in zeitlich unbegrenzter Begleitung. Die Coachings für Gruppen (bis zu 6 Teilnehmer) dauern in der Regel 120 Minuten: Wir starten mit einer Achtsamkeitsübung und gehen anschließend in die Gestaltung. Die zweite Hälfte verbringen wir dann mit Bildreflexion und -besprechung. In den Einzelcoachings arbeiten wir 60 Minuten mit dem gleichen Ablauf. Die Frequenz hängt dabei vom gewählten Setting, bzw. Kurs ab, bewegt sich aber normalerweise bei ein bis zwei Coachings pro Woche.

 

Vereinzelt werden die Klienten außerdem zusätzlich zu Home Assignments eingeladen. Dabei kann es sich entweder um vorbereitende Arbeiten zum kommenden Termin handeln oder um experimentelle Exkursionen außerhalb des ELEPHANT ROOM – meist in der Natur.

 

 

Gibt es ein „nach dem Burnout“? Wie sieht das aus?

 

Ja, das gibt es. Zum Glück! Ich selber bin ein gutes Beispiel dafür. Es ist vielleicht wie bei einem trockenen Alkoholiker. Wer einmal in einen Burnout geraten ist, hat ein erhöhtes Risiko, das nochmal zu tun. Zumindest wenn er nichts an seiner Art zu denken/fühlen/arbeiten/leben ändert.

 

Mich selbst hat es zweimal erwischt – innerhalb von knapp zwei Jahren. Aber so schwer diese Zeiten auch waren, gelang es mir trotzdem, diese Wochen des absoluten Stillstands als Chance zu begreifen, mein Leben neu zu ordnen. Halt und Orientierung habe ich dabei vor allem in der Kunsttherapie gefunden. Und teile nun meine Erfahrungen und mein Wissen mit Menschen, denen es ähnlich geht, wie mir vor einigen Jahren. Als praktizierender Kunsttherapeut in verschiedenen psychosomatischen Kliniken hier im Chiemgau und als Coach im ELEPHANT ROOM.

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